“Ein Mann, der etwas zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.”
Bertolt Brecht
Ohne Zweifel ist es an der Zeit, dass der Set von “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” endlich zurück nach Berlin verlegt wird, denn hier spottet die sogenannte Wirklichkeit – ein Konzept, über das es in Zeiten von KI und kybernetischen Allmachtskonzepten so viel zu sagen gäbe – jedem noch so faden Drehbuch der Seifenoper, die seit 1992 (!) ununterbrochen ausgestrahlt wird. Ein Bürgermeister, der Tennis spielen geht, während im Südwesten der Stadt tagelang einige zehntausend Menschen sich ohne Strom und teilweise ohne Heizung bei Dauerfrost durchschlagen müssen, weil ein paar eitle Saboteure, deren unmarterialistischer protestantischer Eifer dem der Klimakleber der “Letzten Generation” um nichts nachsteht, dem Kapitalismus ein Bein stellen wollen, indem sie die türkischen und arabischen Proleten der Thermometersiedlung zu „Kollateralschäden“ erklären. Der gleiche Sprech, der gleiche Jargon wie in den Generalstäben der Armeen dieser Welt. Der Mensch wird seiner Subjektivität beraubt, er ist nur noch ein Objekt, ein Schadensereignis, das in Kauf zu nehmen ist um der “größeren Sache” wegen. Ein Krieg auf der einen wie auf der anderen Seite, hastig bemäntelt mit moralinem Geschwätz. Und wenn sich dann Genossen erdreisten, das Gesülze der Anschlagserklärung mit seine diversen Folgetexten nicht vollumfänglich zu dokumentieren, bricht der volle narzisstische Furor der selbsternannten Klima-Avantgarde über sie herein.
Der Tennis-Bürgermeister ist Geschichte, beerbt wird er von der Spitzenkandidatin der PdL, deren historisches Verfallsdatum nur dank der “Brandmauer-Debatte” im Angesicht der dramatischen Wahlerfolge der AfD ausgesetzt wurde, zum Zeitpunkt der berühmten Bundestagsdebatte dümpelte sie in den Umfragen bundesweit knapp um die magischen 5% Marke herum. 20.000 Tiktoks später wird sie nun wohl die neue “Regierende” von Berlin stellen und kein GZSZ-Drehbuchautor hätte diese Abfolge von Klischees gewagt zu Papier zu bringen. Und ja, eine altmodische Redewendung um der alten Zeiten Willen, als die Lügen noch in dicken Lettern millionenfach unter die Leute gebracht wurden und man damit wenigstens seinen Kohleofen anfeuern konnte.
Alles so billig und durchsichtig inszeniert, aber das Publikum liebt seine seichte Unterhaltung und man will ja schließlich was geboten bekommen für seine Stimmen, also her mit den Schurken und Heldentaten. Und so wird die Handlung vorangetrieben, ab und zu ein kleiner Cliffhanger, aber im Prinzip weiß man immer, was als nächstes passieren wird, man will ja das Publikum nicht überfordern. Aus der “Enteignung” wird die “Vergesellschaftung”, meint aber eigentlich nur den Ab – und Rückkauf größerer Teile des Wohnungsmarktes zum Tageskurs, die Kohle muss dann halt an anderer Stelle gespart werden (allein die Zinsen der Kreditaufnahmen!) und Spoileralarm, es wird nicht bei den Sicherheitsbehörden sein. Während man sich auf der Eigentümerseite noch etwas ziert, um der Form halber, knallen im Stillen schon die Sektkorken und die Leerverkäufe greifen um sich. Die völlig überhitzte Immobilienblase steht eh kurz davor zu implodieren, völlig neue Verwertungsmöglichkeiten in Zeiten des KI Hypes bringen das “Betongold” zum Schmelzen und eben jene KI wird große Teile der städtischen Mittelschicht in den nächsten Jahren einfach ausradieren, sie werden als “produktive Klasse” schlicht nicht mehr existieren, mit radikalen Folgen für den Wohnungsmarkt in Berlin. Zeit also, Aktiva abzustoßen, bevor sie zu Trash-Stocks werden. Aber immer schön weiter die medialen Nebelkerzen zünden, um ein Drama zu generieren, das in Wahrheit gar nicht stattfindet. Also weiter jeden Tag das gleiche Gesülze, die Inszenierung zweier Lager, die sich angeblich bis aufs Blut bekämpfen, während die ganze Angelegenheit nur dazu dient, alles so zu belassen, wie es dem Kapital und seinen Verwertungsgesetzen dienlich ist. Hinter die Kulissen zu schauen, ja überhaupt zu begreifen, dass es sich nur um eine billige Kulissenschieberei handelt, würde zumindestens Ansätze von Interesse an den Gesetzmäßigkeiten von ökonomischen Zusammenhängen voraussetzen, aber die Linke, auch ihre radikale Fraktion, von den Anarchisten ganz zu schweigen, hat sich ja schon vor langer Zeit dem identitären Spektakel verschrieben und will von so furztrockenen Kram wie Ökonomie nichts mehr wissen, soweit es nicht um die nächste Crowdfunding-Kampagne für das eigenen Haus- oder Medienprojekt geht.
In der “City Of Blood” sind es am Ende die Ärmsten der Armen, die sich auflehnen gegen die allgegenwärtige Korruption (welch berauschende Ironie, dass die Serie ausgerechnet in Berlin spielt), die permanenten Ausnahmezustände und den “illegalen” Bluthandel wehren. Ein Hauch von Frankreich, der durch die hitzigen, staubigen Straßen weht. Les Misérables lehnen sich auf, beanspruchen ihr Recht, geschichtliches Subjekt zu sein, nicht nur eine historische Randnotiz. Und nun, da die Wut des Surplus im Mutterland aller Revolutionen explodiert, die Innenstädte im Tränengas versinken, dachten sich ein paar Jugendliche, man könne das nach hier importieren, lustige Videos kursieren in großer Anzahl im Netz, in dem man alleine oder mit seinen Kumpels vor einer Rolex-Auslage im Schaufenster steht mit dem Hinweis auf den 31. Oktober oder schlicht Halloween. The Purge lässt grüßen, nur halt mit ein bisschen Umverteilung im Angebot. Doch wir sind hier schließlich in Deutschland, das darf man nie vergessen und die Zeiten der Stadtindianer und Häuserkämpfer sind lange her, nur noch alte Mythen, die ab und zu aufgewärmt werden um Stoff für die wohlfeile Neuerscheinung auf dem Büchermarkt zu generieren, in denen sich völlig arrivierte Kleinbürger an “ihre wilde Jugend” erinnern. Wenn nicht gleich Netflix oder Degeto daraus Stoff für die seichte Abendunterhaltung gewinnen. Und so werden Ausschüsse und Bündnisse gebildet und geschmiedet, Verantwortliche ernannt, die dann sofort wieder zurücktreten und während sich die Medien mit einer sensationsheischenden Berichterstattung überschlagen, als stehe der nächste Mai 1987 ins Haus, geraten die Träume der Jugendlichen ins Hintertreffen. Ein paar der üblichen Aktivisten besetzen dann noch das OSI, wir stehen also auch vor dem nächsten Mai 68 und trotzdem bleibt da dieses ernstzunehmende Bedürfnis nach einer echten Revolte, einer grundsätzlichen Auflehnung, die diesen Namen verdient. Nicht das nächste Event, dass von den immer gleichen linken “Orgas” als Bewegungssimulation verkauft wird. Bleibt da aber diese tiefe Sehnsucht nach etwas, das sich echt anfühlt. Wie die stadtweiten Ausschreitungen zu Silvester 22/23, die alle überraschten. Die Bullen, die Medien, die üblichen linken Verdächtigen sowieso. Die viel mit dem Bedürfnis des städtischen Surplus nach Rache zu tun hatten nach 2 Jahren Corona Ausnahmezustand. Für all den Terror der staatlichen Ordnungsmacht und den verlorenen Jahren der Jugend, denn in diesen Jahren der Jugend ist jeder Tag eine Unendlichkeit mit tausend Versprechungen und wenn man dir diese Jahre raubt, sind sie für immer verloren und du hast sie nicht gelebt. Also will die Jugend auf die Straße, in Frankreich wie hier, denn “Gold, Gold, findet man bekanntlich im Dreck” wie einmal ein Rock’N’Roller sang, der mittlerweile im Armani-Anzug daherkommt, damals aber den jugendlichen Rebellen verkörperte – eben Theo gegen den Rest der Welt. Oder die Aufforderung zum Tanz.
So also kann es sich vielleicht doch lohnen, am Samstag am Brandenburger Tor vorbeizuschauen trotz der ganzen Pappnasen, die da auflaufen werden, und wenn es ein Flop wird, “was solls, lass uns leben”. Und dann kann man ja auch am Abend mal an der Postse vorbeischauen, wo es jahrelang zu Halloween ein bisschen geknallt hat, in einem Jahr haben die Bullen dort sogar Molotows sichergestellt und seitdem riegeln sie das ganze Viertel Jahr für Jahr ab und stellen alle migrantischen Jugendlichen an die Wand und sacken sie zu Dutzenden für nichts ein. Juckt bloß keine linke Szene, weil andere Welt. Also schaut mal am 31. Oktober vorbei bei der „anderen Welt”, ein bisschen den Horizont erweitern kann nie schaden.
“Manche Menschen sind nie verrückt. Was für ein wahrhaft grauenvolles Leben müssen sie führen!”
Charles Bukowski
Diese Kolumne wird fortgesetzt…
