City of Blood [Part ll]

“Macht kommt nicht von einem Abzeichen oder einer Waffe. Macht entsteht durch Lügen. Groß lügen und die ganze verdammte Welt dazu bringen, mit dir zu spielen. Sobald alle mit dem einverstanden sind, von dem sie in ihrem Herzen wissen, dass es nicht stimmt, hast du sie an den Eiern.”

Senator Roark – Sin City 

Jede Stadt hat ihre ganz eigene, persönliche Hölle. Manche sagen, es gäbe keine Hölle, so wie es kein Paradies gäbe. Dem letzteren mag man zustimmen, vielleicht sogar mit einem bedauernden Seufzen, aber die Existenz der Hölle an sich ist nicht wirklich zu bestreiten. Der Ort, an dem sie existiert, ist nicht exakt definiert, im Laufe der Jahre, ja sogar Jahrzehnte, wechseln die Schauplätze, die Protagonisten, aber sie ist immer da, an jedem einzelnen Tag, den diese Stadt gesehen hat. In Berlin ist dieser Ort nun das Kottbusser Tor, der Kotti. 

Das war nicht immer so, ganz im Gegenteil. Wenn man früher mit der U-Bahn, die am Nollendorfplatz sich aus der Tiefe erhebt und in eine Hochbahntrasse mündet, am Kotti ankam, wurde das Herz weit. Kein verlogener Glanz wie in der City, die letzten Kontrolleure, die damals noch in uniformierten Gruppen unterwegs waren, hatten spätestens am Gleisdreieck die Segel gestrichen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. In Kreuzberg werden keine Fahrkarten kontrolliert. Wenn die Gegenseite dagegen verstoßen wollte, musste sie immer ein paar Dutzend Bullen mitbringen, die die Kontrolleure in ihren blauen Uniformen beschützen vor der Wut und dem Ärger aufgebrachter Fahrgäste. Das ganze war aber sehr personalintensiv, sorgte jedesmal für einen riesen Heckmeck und wurde deshalb nur ein paar Mal im Jahr und meistens zu Zeiten durchgezogen, wo die notorischen Schwarzfahrer noch im Bett lagen oder gerade ihren ersten Kaffee runterschluckten.  

Das Kottbusser Tor war nicht immer hässlich, aber was der Krieg übrig gelassen hatte von seinen alten Häuserzeilen wurde Anfang der 70er großflächig abgerissen um Platz zu schaffen für eine Autobahn und seelenlose Neubauten, im Norden des Platzes entstand das NKZ (das ‘Neue Kreuzberger Zentrum’ wird ohne Widerspruch mitten in Deutschland von wirklich allen nur ‘das NKZ’ genannt), der Hochhauskomplex sollte später den Lärm der Autobahn abschirmen. Schön also war der Kotti eigentlich nie, seitdem ich denken kann, aber er war das Herz von 36. Hier begannen die wichtigsten Demos und Krawalle der Hausbesetzer und wenn am 1. Mai schon lange Schicht war, weil die Bullen alles Kontrolle gebracht hatten, flogen hier noch die Flaschen Richtung Ordnungskräfte und der eine oder andere ehrliche Faustkampf wurde noch mit ihnen ausgetragen. Der Kotti sollte schon immer “befriedet” werden, in den 80er gingen die Bullen immer wieder massiv gegen das Volk vor, was so am Kotti abhing. Daraus entstand u.a. das legendäre “Punkerfrühstück”, das natürlich nicht vor Sonntag 12:00 Uhr begann und zu dem sich nicht nur einige hundert Punker versammelten sondern auch etliche Sympathisanten, was dann zu handfesten Meinungsverschiedenheiten mit den angerückten Einsatzhundertschaften führte. 

Und während die Oranienstraße und der Lausitzer Platz schon lange “gefallen” sind, wobei diese Niederlage weniger den Bullen als dem Generalangriff der Gentrifizierung zuzuschreiben ist, blieb der Kotti bis vor wenigen Jahren so etwas wie ein ‚widerständiger Ort”. Noch im Spätherbst des letzten Jahrzehnt machten die Auseinandersetzungen von Einheimischen mit den Bullen Berlinweit Schlagzeilen. Auslöser war die brutale Festnahme eines mutmasslichen Fahrraddiebes, was zu Solidarisierung einer großen Menge, vorwiegend migrantischer Anwohner und Besitzer kleiner Läden führte. Blumenkübel, Flaschen und allerlei andere Gegenstände flogen in Richtung der Bullen, ich war gerade das Wochenende zuvor wieder vom behäbigen 61 zurück nach 36 gezogen und Zeuge der Geschehnisse. “Fein gemacht”, dachte ich mir, “endlich wieder Zuhause angekommen.“ Und auch während der Jahre des Corona Ausnahmezustandes lächelte man sich verschmitzt zu, wenn man den Platz, entgegen der behördlichen Anordnungen, ohne Maske zu tragen querte, was dazu führte, dass die Bullen jeden Abend mehrere Mannschaftswagen am Kotti positionierten, deren Besatzungen die wenigen Passanten belästigten, die es wagten kurz vor Mitternacht noch frische Luft zu schnappen ohne dabei sinnfrei eine FFP2 Maske spazierenzutragen.  

Doch Corona ist vorbei und dank der fürsorglichen Einsperrungen der Regierung haben wir es überlebt und nun sind die apokalyptischen Reiter über den Kotti hergefallen. Massen von Touristen, zugezogenen Hipstern und der Partymob wimmeln über den Platz, die Junkies und Obdachlosen gehen in den Massen fast unter, alle schauen über das Elend hinweg, niemand interessiert sich mehr für den anderen und irgendwann werden sie einfach über die Leichen drüber steigen, um den besten Hintergrund für ihre Selfies zu generieren. Der soziale Kannibalismus in Extase. Zu jedem beliebigen Anlass regiert der Ballermann in 36 und dass große Teile der Demo zum 1. Mai stundenlang am Heinrichplatz feststecken, weil die TikTok PdL ihre langweilige Bühnenshow zum “Tag der Arbeit” mit Ikkimel aufwerteten, fast die generelle Entwicklung gut zusammen. In einer Welt der Blasen, die nicht mehr in der Lage sind, über die Grundsätzlichkeiten der Welt miteinander zu kommunizieren, ersetzt der Event die Berührungen, die sozialen Beziehungen. “Wir erleben die Rückkehr der Oberflächenverliebtheit” schrieb Christian Klar schon weitsichtig in den 90er aus dem Knast. 

“Seitdem hat ein Jahrhundert der Verwüstung hinreichend veranschaulicht, wie richtig Kafka in allen Dingen lag und das fast als einziger. In allererster Instanz muss jeder den Zugang zu dem, was er denn noch empfindet, gut verbarrikadiert halten. Und man ist gut beraten, sich gegenseitig in diesem rühmlichen Bestreben zu unterstützen – was jedoch keineswegs verhindert, sein Leben in Abhängigkeit von dem Rumor zu führen, die aus dem verbotenen Untergeschoss dringt. Schließlich hat eine Verstümmelung noch nie das Auftreten von Phantomschmerz verhindert. Die herrschende Gesellschaftsordnung ist mehr denn je eine Verschwörung von Verstümmelten – eine objektive, strukturelle, spontane, universelle Verschwörung.”

Konspirationistisches Manifest

In ‘City of Blood’ sind die Vampire nicht mehr die Ausgeburt unserer uneingestanden Urängste und Projektionen, sie sind nur ein Clan mehr, der seine Geschäfte tätigt und nach politischem Einfluss strebt. So wie das gedruckte Geld nach dem Kollaps des Nationalsozialismus keinen  wirklichen Wert mehr besaß und mit Zigaretten, Kaffee und Wertgegenständen gehandelt wurde, so ersetzt das Blut in ‘City of Blood’ das bedruckte Papier. Die Blutbank als Fort Knox. Von dort aus ist es kein gewagter Bogenschlag zur marxistischen Analyse der warenförmigen Durchdringung aller Lebensbereiche, ja des Lebens selbst dieser Tage – in der Welt, in der wir leben und überleben. Die Subjekte selbst ahnen darum, wenn sie es nicht sogar wissen. Dieses Wissen und Halbwissen produziert eine unglaubliche Menge von individueller und kollektiver Angst. Und Angst hat, wie alle wissen, eine unglaubliche Macht. Die reife Haltung konfrontiert sich mit dieser Angst, erforscht ihre gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhänge, sucht nach Aufhebung, produziert revolutionäres Denken und Handeln. In der allgegenwärtigen gesellschaftlichen Regression jedoch sucht die erdrückende Mehrheit der Subjekte nach Zuflucht in Projektion und Delegierung. Der Corona Ausnahmezustand war die Generalsstabseinübung dieser Synthese aus paranoider Angst vor der Auslöschung und der Delegierung der Errettung an einen übermächtigen Staat. Das eint auch den Linkspopulismus wie Rechtspopulismus: Die “Eroberung” des Staates als Zielstellung. Dabei spielt es keine wirkliche Rolle, wer den oder die Bürgermeister/in von Berlin stellt, ebenso wie es keine strategische Rolle spielt, dass Italien seit 2022 von Meloni regiert wird. Alle Mitte-Links Regierungen vor ihr haben mehr repressive und arbeitnehmerfeindliche Gesetze und Dekrete erlassen als die Vorsitzende der Nachfolgepartei des MSI. Alles weitere regelt der Markt. 

Die medialen Begleitmusiken zur möglichen Regierungsübernahme durch die PdL sind ebenso Nebelkerzen wie die mögliche Regierungsübernahme selbst. Es spielt überhaupt keine Rolle, die Machtverhältnisse im sozialen Antagonismus verändern sich um keinen µ, oder höchstens zu unseren Ungunsten, weil der ganze partizipatorische Blödsinn noch allgemeiner um sich greift. Nach all den Massenmobilisierungen per Unterschriftenliste nun also als letzter Strohhalm die parlamentarische Option. Wir konnten ähnliches schon vor ein paar Jahren in Frankreich beobachten, wo vor dem Horizont eines möglichen Wahlerfolgs von Marie Le Pens ‘Rassemblement National’ die “Volksfront”  aus der Mottenkiste der Geschichte gezaubert wurde. Der “Wahlsieg” der “Volksfront” fiel nicht zufällig zusammen mit dem Ende der sozialen Bewegungen, die die letzte Dekade geprägt hatten. Gegen die allgemeine Regression, die auch in nicht unerheblichen Teilen die Überreste antagonistischer Stimmen hierzulande erreicht hat, gilt es sich mit einem Diskurs zu behaupten, der an der Grundsätzlichkeit der Aufhebung der Warenförmigkeit aller gesellschaftlichen Beziehungen als Prämisse festhält. Im Allgemeinen wie in den konkreten Kämpfen und sozialen Konflikten. 

„Auf der Basis des Kapitals kann das Ganze nur vom Teil aus verstanden werden. Das Wissen ist an den Kampf gebunden. Wahrhaftig erkennt nur, wer wahrhaftig hasst.“

Mario Tronti 

wird fortgesetzt…