The Last Day Of Summer – Für Achim / To Have Or To Have Not

“Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. ‘Du schreist einem durch Mark und Bein’, sprach der Esel, ‘was hast du vor?’ ‘Da hab ich gutes Wetter prophezeit’, sprach der Hahn, ‘weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will. Aber weil am Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wolle mich in der Suppe essen und da solle ich mir heute Abend noch den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich noch kann.’ ‘Ei was, du Rotkopf’, sagte der Esel, ‘zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so wäre dies wohl fantastisch.‘ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen und sie gingen alle zusammen fort.”

Die Bremer Stadtmusikanten

„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Karl Marx – Zur Kritik der Politischen Ökonomie

Nun also zwei Jahre. 671 Tage. So viele Stunden. Keine Nachrichten mehr mitten in der Nacht von dir, keine seitenlange Zitate, keine abenteuerlichen, betörenden Ausführungen. Nichts. Nur die Stille. Die Stille deiner Abwesenheit. Diese schreckliche Stille, in der alle einfach irgendwas daherreden, ohne dass es wirklich etwas zu bedeuten hätte. Du findest keine drei Zeilen mehr, die es wirklich wert sind, gelesen zu werden. Jedenfalls in diesem Land. Am Ende machen sie selbst im Goldenen Hahn Wahlkampf für die Tiktok Linke. Gut, dass Bernd Kramer das nicht mehr erleben muss. Überhaupt, du und all die anderen, die uns wirklich etwas zu sagen hatten. Die Ihr nicht mehr da seid. Pohrt wurde auch erst wirklich geliebt, als er schon tot war. Der ‘Brother in Crime’. Eigentlich war ja schon seit dem Corona Ausnahmezustand da dieses Schweigen, das zur Akklamation mutierte, nur so Wenige, die begriffen und benannten, wie dieses Generalstabsmanöver die Permanenz des generalisierten Ausnahmezustand vorwegnahm. Die neue Weltordnung, die diesmal praktisch niemand framte. Und auch hier wieder, die Einschränkung: In diesem Lande. Und nun kommen sie nicht mehr heraus aus dem Loch, in dem sie sich selber eingebuddelt haben, die sozialen Verhältnisse schreien nach Revolte und zähen Widerstand, Krieg, Inflation, Überwachungsstaat, ein korrupte Politikerkaste deren Halbwertszeit in den verantwortlichen Posten nicht mal mehr eine Legislaturperiode beträgt. Alle sehen es: “Der Kaiser ist nackt”. Ein System am Abgrund, im Sommer brennen die Wälder im Süden Europas, während hier die Alten und Kranken auf Intensivstationen und in Pflegeheimen in der Hitze einfach krepieren, weil es keine Klimaanlagen gibt. Und nun, da alles Gesellschaftliche reif ist für die Umwälzung, hängen die Linken in ihren Blasen, unfähig zum Diskurs, die Grabenkriege untereinander sind das einzige, was dem Kadaver noch Leben einhaucht. Und die rechten Populisten fischen die Wut und Ohnmacht ab.  

Ich kann mich noch erinnern, als wir uns das erste Mal getroffen haben. Muss vor einem guten Jahrzehnt gewesen sein. Du hast mit Frankfurter Genossen u.a. eure Thesen zur generellen Tendenz der staatlichen Faschisierung vorgestellt im Mehringhof in Kreuzberg und ich habe widersprochen und fand, dass das nicht die damalige Entwicklung auf den Punkt brachte. Aber du hast Recht gehabt, du hast früher begriffen, wohin die Reise geht. Dann habe ich einen kurzen Beitrag, ‘Schanzenblues’ [1], für das Buch [2] nach den G 20 Riots in Hamburg beigetragen, das du u.a. mit Dellwo herausgebracht hast. Da wurden wir dann eingeladen nach Friedrichshain zu irgendwelchen “Widerständigen Tagen” (ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den genauen Titel erinnern), der Saal war rappelvoll, wir haben was vorgetragen und dann gab es Fragen und Diskussion. Das war, als wenn sich Menschen aus völlig fremden Kulturen begegneten, es war schwierig, überhaupt eine gemeinsame Sprache zwischen dem Podium und dem Saal zu finden: Die Abgründe waren schon da so tief und eigentlich nicht mehr zu überwinden, wir redeten eigentlich die ganzen Zeit aneinander vorbei. Dann haben wir uns lange nicht gesehen, aber immer mehr ausgetauscht, der Corona Ausnahmezustand hat uns natürlich nochmal enger zueinander gebracht, auch wenn das eine Zuneigung auf räumliche Distanz war. Irgendwann war dann dein letztes Buch fertig, ‘Die Ekstase der Spekulation’, du hast mir ein Exemplar mit Widmung geschickt und ich dir ein Bild von mir mit deinem Buch und natürlich mit geballter Faust. Wer ballt heutzutage überhaupt noch die Faust außer die K Gruppen und die Clowns auf ihren Parteitagen, wenn sie die Internationale singen..? Wir waren der Zeit voraus und doch auch aus der Zeit gefallen und jetzt teilen wir keine Zeit mehr miteinander. 

„Drinking don’t bother my memory. If it did I wouldn’t drink.“

Eddie – To Have Or To Have Not

Wir sind wieder im Spiel, mein Lieber. Eigentlich waren wir ja nie wirklich raus, aber da war schon dieses merkwürdige, nicht zu greifende Vakuum. So wie sich das Meer urplötzlich und rätselhaft zurückzieht und überall nur noch Pfützen den nackten Meeresboden bedecken. Und dabei ist es der Tsunami, der sich weit draußen auf dem Meer aufbaut. Peru, Rumänien, Syrien,… die Treibstoffpreise explodieren und mit ihnen die Wut. Riot. Strike. Riot. In Frankreich blockieren die Fischer wichtige Treibstoffdepots, Häfen und Raffinerien, in den sozialen Netzwerken trommeln sie für den landesweiten Aktionstag am 17. Oktober, alle träumen von der Wiederkehr der Gilets Jaunes, es wird wohl schon am kommenden Wochenende einiges spontan passieren, in Meinungsumfragen sympathisieren zwei Drittel mit der Idee, dass die gelben Westen sich die Straßen wieder zurückerobern könnten. Ich weiß, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber da kommt einiges auf uns zu. Das sollte uns nicht davon abbringen, weiter zu untersuchen, warum sich diese Revolten immer wieder in sich selbst erschöpfen, aber mit dem frischen Wind eines neuen sozialen Sturms fällt es vielleicht leichter, der Sache auf den Grund zu gehen. Wie hast du geschrieben:

“Wenn sich das alltägliche Leben eines Teils der Weltbevölkerung im globalen Süden immer stärker in den informellen Ökonomien abspielt, dann gerät dieser Teil selbst zum zum Surplus und wird mit Bedingungen seiner Reproduktion jenseits des Lohnarbeitsverhältnisses konfrontiert, und in dieser konfliktreichen Situation, die sich danach auf den Straßen zeigt, kann jede unerlaubte Ansammlung einer Gruppe an der Ecke, auf einem öffentlichen Platz, oder eben in den Straßen als ein potentieller Riot verstanden werden. Ganz im Gegensatz zum Streik ist es schwer herauszufinden, wann der Riot startet oder wann er endet. Einerseits ist er ja ein partikulares Ereignis, andererseits ist er die holographische Miniatur einer kompletten Situation, ein Welt-Bild.” [3]  

Ich denke, wir stehen noch ganz am Anfang davon, wirklich zu verstehen, wie sich die sozialen Verwerfungen, der soziale Antagonismus heute artikulieren, konstituieren und ausformen. Wir tragen trotz all unserer Brüche mit der historischen Linken und ihrem Scheitern immer noch selbst so viel ideologischen und theoretischen  Ballast mit uns herum, dass wir nicht in der Lage sind, in Echtzeit parallel zu den Revolten ihre Konsistenz zu erfassen und Vorschläge zu unterbreiten, die über sie hinausreichen. Irgendjemand wird dies tun müssen, um die Sollbruchstellen im implodierenden System, das versucht, uns alle mit in seinen historischen Untergang zu reißen, zu erfassen. Für diese Arbeit bräuchten wir dich, aber du bist nicht mehr da. Und ich weiß nicht, wie wir diese Lücke schließen sollen. Aber ich werde dir davon berichten, wie wir uns mühen und vorwärts tasten, blind wie die Maulwürfe unsere Wühlereien im Untergrund verrichten. Und so mir wer oder was auch immer wohlgesonnen ist, werde ich dir in einem Jahr wieder berichten, wo wir mittlerweile stehen.

In Liebe, 

Sebastian Lotzer – Berlin Kreuzberg, 18. September 2026

Anmerkungen

[1] Schanzenblues, S. Lotzer

[2] Riot: Theorie und Praxis der kollektiven Aktion. Was war da los in Hamburg? Dellwo, Szepanski u.a.

[3] Die Ekstase der Spekulation, A. Szepanski [2023] 

Verlag der abseitigen Künste